Der Run auf die Run-Offs: Zweckentfremdung eines Notfallinstruments?

Run-Offs sind an sich kein Kuriosum. In den vergangenen Jahren war in der Versicherungsbranche häufiger mal von einem großen Verkauf der Versicherungsgesellschaften zu hören.

Zum Beispiel trennte sich die Generali Lebensversicherung am 30. April 2019 von ihrer Lebensversicherungssparte. Diese ging an die Viridium Gruppe. Im Juni berichtete Cash.Online davon, dass auch die Zurich ihren klassischen Lebensversicherungsbestand abgeben und an einen Run-Off-Versicherer verkaufen will. Wieder ist Viridium der Empfänger. Volumen der Verpflichtungen: 20 Milliarden Euro.

Wenige Wochen später folgte die nächste Run-Off-Nachricht: Die Axa Deutschland plane Alt-Verträge an den Policenabwickler Athora abzustoßen. Nach eigenen Aussagen handelt es sich um Verträge der ehemaligen DBV-Winterthur Leben (DWL), die erst 2006 in den AXA Konzern geholt wurde. Der Bestand der ehemaligen DWL wird von der AXA selbst als „finanziell stabil und gut kapitalisiert“ beschrieben. Von einer Notfallmaßnahme kann demnach nicht die Rede sein. Das Ziel scheint eher zu sein, die Finanzmarktrisiken des Unternehmens zu senken.

Wie stehen die Vorstände der Bayerischen zum Thema Run-Offs?

Martin Graefer
Martin Gräfer, Vorstandsmitglied die Bayerische

Martin Gräfer: Der Verkauf von Beständen ist zulässig und als Notmaßnahme kann das sogar sehr sinnvoll – und das gerade auch aus Sicht der Kundinnen und Kunden. Doch deren Perspektiven stehen in diesen Fällen sicher nicht im Fokus: Wenn international agierende Aktiengesellschaften, die sicher nicht in Not sind, ihre Verpflichtung abtreten, geht es meines Erachtens ausschließlich um ihren eigenen Vorteil. Die Idee, die Kunden ein Leben lang zu begleiten, ist dabei nicht im Fokus. Gleichwohl wird beim Neugeschäft den Kundinnen und Kunden weiterhin eine langfristige Partnerschaft versprochen. Wir fühlen uns unseren Mitgliedern weiterhin verpflichtet. Sie sind die Eigentümer unseres 1858 gegründeten Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit und keine Handelsware.

Mein Fazit: Diese Verkäufe sind keine Notmaßnahmen, die die Erfüllung der Pflichten aus den Verträgen sicherstellen sollen. Eher handelt es sich um Maßnahmen der Profitmaximierung, bei denen die in den Jahrzehnten zuvor gegebenen Versprechen einer mitunter lebenslangen Kundenziehung offenbar keinen Wert mehr haben. Auch die Perspektive der die Kundinnen und Kunden betreuenden Vertriebspartner spielt bei derartigen Entscheidungen offenbar keine Rolle mehr. Besonders, wenn, wie bei der DBV Winterthur, teilweise jahrzehntelange Kooperationen und Verbindungen zu Beamtenverbänden offenbar infrage gestellt werden. Dass dies in diesen Organisationen sehr irritiert, kann ich persönlich gut nachvollziehen.

Dr. Herbert Schneidemann, Vorstandsmitglied die Bayerische

Dr. Herbert Schneidemann: Einer unserer ältesten noch aktiven Lebensversicherungsverträge wurde mit Beginn 01.07.1937 abgeschlossen. Eine kapitalbildende Sterbegeldversicherung. Das Besondere an den Verträgen jener Zeit war, dass diese häufig ab dem 45. Lebensjahr des Kunden beitragsfrei weiterliefen. So auch dieser Vertrag, den wir seit 1969 beitragsfrei führen. Unser Kunde darf seit 85 Jahren auf seinen Versicherer vertrauen und wir sind stolz darauf, unser Versprechen auch Generationen später einhalten zu können.

Als Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit stehen wir zu den eingegangenen Verpflichtungen und halten an unseren Kunden fest. Mit dieser Haltung sind wir im Übrigen in bester Gesellschaft, wie Versicherungswirtschaft heute kürzlich berichtet hat: Die Hanse-Merkur, die Huk-Coburg und weitere tun dies wie wir seit mehr als 100 Jahren.

Thomas Heigl, Vorstandsmitglied die Bayerische

Thomas Heigl: Niedrigzinsphase, regulatorische Anforderungen aber auch Modernisierungsbedarfe in der IT machten es den Unternehmen in den letzten 10-12 Jahren zunehmend schwerer, die notwendigen Mittel für gegebene Garantieversprechen und attraktive Überschüsse zu erwirtschaften. Eine Möglichkeit, mit dieser Herausforderung umzugehen, ist der so genannte externe Run-Off. Dieser kann aber bei Kunden zu viel Verunsicherung führen. Mit unserem sogenannten internen Run-Off waren wir 2009 ein Vorreiter. Zur Vorbereitung auf Solvency II wurde das Neugeschäft ab 01. Januar 2010 auf die seit 1987 bestehende Tochter BL die Bayerische Lebensversicherung AG konzentriert. Der Alt-Bestand wurde in der Muttergesellschaft weitergeführt, sodass wir unseren Verpflichtungen gegenüber den Kunden und Mitgliedern gerecht werden konnten und gleichzeitig das Geschäft erfolgreich saniert haben. Per 30. Juni 2022 beträgt die Solvenzquote (ohne Übergangsmaßnahme) 401% und die saldierten Bewertungsreserven in den Kapitalanlagen 11,5%.

 

Titelbild & Beitragsbilder: © die Bayerische

Autor

Lars-Eric Nievelstein
Lars-Eric Nievelstein
Hat Kunstgeschichte und Literatur studiert. Schreibt gerne. So gerne, dass er sich sowohl in der NewFinance-Redaktion als auch in der Freizeit damit beschäftigt. Und sollte er mal nicht schreiben, interessiert er sich für E-Sport, Wirtschaft und dafür, wer gerade an der Börse abrutscht.

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