Biometrie & Psyche: Rückblick und Ausblick

Die Bayerische bietet seit Frühjahr 2023 auch Menschen mit psychischen Erkrankungen Versicherungsschutz an. Wie wichtig diese Änderung ist, zeigen aktuelle Zahlen: Denn obwohl jeder vierte Deutsche mit psychischen Beschwerden zu kämpfen hat, werden 45 Prozent der Berufsunfähigkeitsanträge nur begrenzt oder gar nicht angenommen.

Was hat sich bei der Bayerischen seit Ausweitung des Versicherungsschutzes verändert? Wie läuft der neu eingeführte Quick Check Psyche ab? Was kann in der Branche getan werden, um Menschen mit psychischen Erkrankungen besser zu versichern? Das weiß Panos Kalantzis, Spezialist für Biometrie der Vertriebsdirektion Süd der Bayerischen.

Seit vergangenem Jahr bietet die Bayerische auch Menschen mit psychischen Erkrankungen Versicherungsschutz an. Was hat sich alles konkret verändert?

Panos Kalantzis: Die Antwort ist relativ einfach: Wir haben „die Matrix“ verlassen. Konkret bedeutet das, dass für uns eine bereits erfolgte psychotherapeutische Behandlung kein pauschaler Ablehnungsgrund ist. Wir bewerten jeden einzelnen Fall und die Therapievergangenheit individuell.

Hat sich die Zahl der Anträge von Kunden mit entsprechenden Beschwerden erhöht?

Panos Kalantzis: Ja, sowohl bei Risikovoranfragen als auch bei den daraus resultierenden Anträgen verzeichnen wir einen deutlichen Zuwachs.

Was waren die Beweggründe dafür, dem Thema Psyche bei der Bayerischen mehr Raum zu schaffen?

Panos Kalantzis: Wir haben uns intensiver mit den Fakten auseinandergesetzt. Fakt ist zum Beispiel, dass seit vielen Jahren die Zahl der psychisch bedingten Fehltage in der Arbeitswelt steigt. Seelische Erkrankungen treten aber nicht nur bei Erwerbstätigen auf; mittlerweile sind alle Bevölkerungs- und Altersgruppen davon betroffen. Hinzu kommt die Auswirkung diverser Krisensituationen, wie beispielsweise die Corona-Pandemie. Die Belastungen, die damit verbunden sind, haben die mentale Gesundheit der Menschen, insbesondere der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, zusätzlich belastet.

Fakt ist aber auch, dass Menschen mit einer hohen psychischen Widerstandsfähigkeit (Resilienz) belastenden Situationen und Schicksalsschlägen eher mit mentaler Stärke und Gelassenheit begegnen. So behandeln sie Belastungen nicht unbedingt als Krise, sondern eher als Herausforderung.

Resilienz ist allerdings keine angeborene, sondern eine erlernbare Eigenschaft. Sie kann aktiv angestoßen und gestärkt werden. Idealerweise schon im Kindesalter innerhalb der Familie, aber auch im Verlauf einer psychotherapeutischen Behandlung. Die Stärkung der eigenen Widerstandsfähigkeit ist – vermutlich das wichtigste – Ziel einer Verhaltenstherapie.

Genau diesen Menschen möchten wir den Weg zum Abschluss einer BU-Versicherung ebnen, indem wir genauer hinsehen.

Als Teil der Gesundheitsprüfung bei der Bayerischen gibt es den Quick Check Psyche. Was war die Idee dahinter und wie läuft dieser ab?

Panos Kalantzis: Der Quick Check Psyche ist kein Teil der Gesundheitsprüfung und auch kein Risikoprüfungstool, das möchte ich klarstellen. Die Idee, die dahinter steckt, erkläre ich in meinen Vorträgen mit einem einfachen Beispiel: Sie haben bestimmt auf Autobahnbrücken oder an einem Flugplatz Windsäcke gesehen. Zitat aus Wikipedia: „Windsäcke kommen überall dort zum Einsatz, wo die ungefähren Windverhältnisse einfach und leicht erfassbar dargestellt werden sollen, ohne dass es auf Exaktheit ankommt“.

Viele Vermittler/innen sind sich einfach unsicher, wenn sie in der Gesundheitshistorie der Kunden Einträge mit psychischen Vorerkrankungen finden. Aus ihren vergangenen Erfahrungen und den vielen Ablehnungen stellt sich oft die Frage, ob eine aufwendige Fortsetzung des Beratungsprozesses überhaupt eine Aussicht auf Erfolg hat. Mit dem Quick Check Psyche wollten wir diesen Vermittlerinnen und Vermittlern quasi einen „Windsack“ zur Verfügung stellen, mit dem sie zunächst mal ein Gefühl bekommen können: wäre dieser Fall überhaupt versicherbar oder ist er aussichtslos?

Das ist aber keineswegs ein Votum im Sinne einer Risikoprüfung. Es ist durchaus möglich, dass ein „JA“ beim Quick Check Psyche zu einem negativen Votum bei einer Risikoprüfung oder einem Antrag führt. Und genauso möglich ist es, dass man trotz eines „NEIN“ aus dem Quick Check Psyche ein positives Votum bei einer Risikoprüfung oder einem Antrag erhält.

Deswegen meine Empfehlung: Sammeln Sie alle relevanten Daten, bereiten Sie die Gesundheitshistorie sorgfältig auf und stellen Sie gerne eine Risikovoranfrage bei uns.

Wie wurde diese Änderung vom Kreis der Kunden und von Vermittlern aufgenommen?

Panos Kalantzis: Der Markt hat überwiegend positiv reagiert. Ich sage bewusst „überwiegend“, weil vereinzelte Vertriebspartner/innen die Erwartungshaltung hatten, dass wir nun alle psychisch vorerkrankten Menschen versichern werden. Das ist definitiv nicht der Fall. Wir müssen, wir wollen und wir werden weiterhin das Kollektiv schützen. Es wäre keinem geholfen, wenn wir jeden ausnahmslos versichern würden. Wir werden weiterhin mit Weitsicht und Augenmaß die eingehenden Fälle prüfen.

Aber die absolute Mehrheit in der Vermittlerschaft hat die Botschaft verstanden und mit Begeisterung aufgenommen. Sie haben in der täglichen Praxis festgestellt, dass das keine PR-Aktion ist, sondern ernstgemeintes Umdenken, das sich in unseren Voten wiederfindet.

Und das Wichtigste: hier sprechen wir von Menschen, die endlich Versicherungsschutz bekommen konnten. Die sind am meisten begeistert.

Was kann in der Branche getan werden, um Menschen mit psychischen Erkrankungen besser zu versichern?

Panos Kalantzis: Die Initiative der Bayerischen ist kein Einzelfall. Es gibt mittlerweile auch weitere Versicherer, die ihre Annahmepolitik bei der Beurteilung von psychischen Vorerkrankungen angepasst haben. Diese Entwicklung ist ausdrücklich zu begrüßen. Aber wir befinden uns noch am Anfang, hier ist noch Luft nach oben.

Bei dieser Entwicklung ist allerdings auch die Vermittlerschaft gefragt. Insbesondere im Kontext Psyche ist eine sorgfältige Aufbereitung und nachvollziehbare Darstellung der Gesundheitshistorie unerlässlich. Der Weg über elektronische Risikoprüfungstools mag schneller sein, diese Tools bieten aber keine individuelle Betrachtung. Eine Softwareanwendung funktioniert immer anhand eines Entscheidungsbaums. In puncto Psyche ist aber der Faktor Mensch gefragt – und dieser ist auch der Schlüssel zum Erfolg!

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Autor

NewFinance Redaktion
NewFinance Redaktionhttps://www.newfinance.de
Hier bloggt die Redaktion von NewFinance.today zu allgemeinen und speziellen Themen rund um Versicherung, Finanzen und Vorsorge aber auch zu Unternehmensthemen der Bayerischen. Wir wünschen eine spannende und interessante Lektüre!

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