Kim Hahn: „Es war die härteste Erfahrung, die ich je gemacht habe. Körperlich, psychisch und physisch“

Die Flut im vergangenen Sommer kostete mehr als 180 Menschen das Leben. Auch die Sachschäden zerstörten teils ganze Existenzen. Mit ein Grund für das Ausmaß der Katastrophe: Ein Versagen der Behörden. Die Nachwirkungen sind – auch ein Jahr später – noch immer deutlich zu spüren. Wir werfen gemeinsam mit Versicherungsmaklerin Kim Hahn, Inhaberin Leo Forsbeck, einen Blick zurück. Sie war und ist noch beruflich wie auch privat von den Geschehnissen betroffen.

Redaktion: Wie gut erinnerst Du Dich an die Nacht und den ersten Morgen der Flutkatastrophe?

Kim Hahn: Ganz ehrlich, es fühlt sich immer noch an, als wenn es gestern gewesen wäre. Nur die Tränen, die Bauschmerzen und die Angst rücken Tag für Tag in weitere Ferne.

Wenn ich die Augen schließe, kommt das gleiche Bild und das Gefühl von damals wieder hoch. Meine Stadt war zerstört. Aber was hatte so große Kräfte, um so viel Unheil zu verursachen? In der Nacht fiel der Strom aus, danach das Handy-Netz. Ich dachte mir nichts dabei. Ich machte mich ganz normal fertig und wollte zur Arbeit fahren. Ich selbst wohne circa zehn Kilometer von Bad Münstereifel entfernt, auf einem Berg. Ich stieg ins Auto ein, weiterhin kein Netz, kein Radio. Ich dachte mir immer noch nichts dabei. Ich versuche mit dem Auto nach Bad Münstereifel zu fahren, doch überall war Stau.

Nach zwei Stunden fuhr ich nach Hause und nahm mein Bike. Ich hatte feste Termine, die ich einhalten wollte und verstand nicht so richtig, was jetzt schon wieder los war. Je länger ich mit dem Bike querfeldein fuhr, desto mehr wurde mir klar: Hier muss etwas Schreckliches passiert sein. Mein Kopf drehte sich, wie es wohl meiner Familie und meinen Freunden ergeht? Ich kann sie nicht anrufen. Was ist mit meiner Firma? Was ist mit meinen Mitarbeitern? Überall stand Wasser. Hatte es eine Flut gegeben? Mit diesen Gedanken fuhr ich weiter, durch Bäche, an zerstörten Straßen und Dörfern vorbei. In Iversheim stand ich bis zur Hüfte im Wasser und wusste, ich muss einen anderen Weg suchen. Irgendwann stand ich dann auf der Straße, in der meine Firma war. Ich stellte das Rad hin und fing an zu weinen. Meine Stadt war zerstört.

Redaktion: Wann wurde Dir bewusst, dass das echt ist? Welche Ausmaße die Geschehnisse haben?

Kim Hahn: Ich fragte mich, ob ich getrunken hatte und mir mein Kopf gerade einen Streich spielte. Ich gab mir selbst eine Backpfeife. Aber es änderte nichts. Ein toter Mensch lag auf der Straße, ich suchte die Feuerwehr. Ein Feuerwehrmann sagte mir: „Ja, leider nicht der erste Tote“. Ich dachte sofort an meine Mutter, die nur einen Kilometer von dem Ort entfernt wohnt, an dem ich gerade stand. Was ist, wenn Sie auch tot auf der Straße liegt? Ich ging weiter, Menschen saßen weinend und apathisch auf der Straße, mit Schlamm bespritzt. Häuser lagen in Trümmern. Langsam sickerte die Gewissheit durch: Das hier war kein Film oder Traum. Das hier war die eisenharte Realität.

Dann stand ich vor meiner Firma. Das Gebäude stand unter Wasser, der Schlamm ragte knapp einen Meter aus der Türe, welche dem Druck des Wassers nicht standgehalten hatte. Ich sackte auf die Knie und weinte wieder. Es war alles, was ich mit aufgebaut hatte, ich bin in dieser Firma groß geworden, das geworden, was ich heute bin. Die letzten 14 Jahre meines beruflichen Lebens bin ich durch diese Tür gegangen. Erst als Angestellte, dann seit 2015 als Chefin. Es gingen mir viele Momente, die ich hier erlebt hatte, durch den Kopf. Für mich war es nicht nur einfach eine Firma, es war meine Firma, meine Mitarbeiter, die wie meine Familie waren, meine Berufung. Ja, es war meine Berufung.

Ich sagte oft zu meinen Kunden: „An Ende des Tages sehen Sie erst, ob Sie alles richtig gemacht haben, wenn der Schadenfall eingetreten ist und Sie mit der Abwicklung zufrieden waren.“

Es war ein Versprechen meinen Kunden gegenüber, sie im Schadenfall nicht im Stich zu lassen. Ich liebe meinen Job, und jetzt war es an der Zeit alles dafür zu tun. Also stand ich vom Boden auf und ging ins Gebäude.

Rückblickend war das ziemlich dumm, denn eine Woche später erfuhr ich, dass das Haus einsturzgefährdet war. Ich sah, dass das Wasser und der Schlamm kurz vor meiner Bürotüre im ersten OG gestoppt war. Ich schloss auf, und oben sah alles aus wie immer. Trotzdem, kein Strom, kein Internet. Wir arbeiteten bis dato serverbasiert. Also blieb alles, was ich hatte, alte Hauptkarten, welche uns noch eine erste Übersicht zu unseren Kunden verschaffen. Papier, wo wir doch alle so digital werden wollten. Wie konnte da jetzt Papier meine Rettung sein? Ich wollte alles in den Rucksack packen, aber es war viel zu schwer.

Ich war mit dem Fahrrad da, wie sollte ich damit so viel Papier weg schaffen? Ich sah ein, dass ich machtlos war. Ich nahm die Hauptkarten und stellte diese noch eine Etage höher ins 2 OG. Immer noch kein Netz, kein Telefon, kein Strom, kein Wasser. Ich überlegte mir einen Plan und kam nicht auf einen klaren Gedanken. Und dann kam wieder die Frage aus, wie es wohl meiner Mama und meinen Freunden geht? Ich entschloss mich daher, mich aufs Bike zu setzen und erstmal nach meinen Lieben zu schauen. Es ließ mir einfach keine Ruhe. Auf dem Weg durch meine Stadt und die anliegenden Dörfer stockte mir immer wieder der Atmen. Es wäre der beste Blockbuster gewesen.

Redaktion: Wie sah in dieser Zeit die Zusammenarbeit mit Deinen Kunden aus?

Kim Hahn: Erstmal muss man mit sich selbst klar kommen. Mit all seinen Gefühlen, der Wut und dem Unverständnis. Dann habe ich erstmal zwei Tage nur Schlamm geschippt und meine Lieben mit Trinkwasser und Dingen des täglichen Lebens versorgt. Ich wusste, wie ich mit dem Rad wohin fahren musste, damit ich in Richtung Köln in einer normalen Welt einkaufen konnte.

An Tag drei hatten wir immer noch kein Netz, keinen Strom, kein Telefon, kein Wasser und von vielen meiner wichtigsten Menschen wusste ich immer noch nicht, ob sie noch lebten.

Auch hier war das MTB wieder meine Rettung. Meine Kunden sind mir sehr gut bekannt, ich kenne fast jedes Haus in der Gegend, das ich versichert habe. Also Gummistiefel an und zu Fuß oder wo es ging mit dem Bike zu meinen Kunden. Diesen Tag werde ich nie vergessen. Mein erster Einsatz war der erste Ort nach Bad Münstereifel. Er heisst Iversheim. Hier bin ich groß geworden. Ich erkannte meine Kunden sofort und sie mich. Wir lagen uns in den Armen und weinten zusammen. „Kim, es tut so gut, dass du da bist“. Der Gedanke daran bereitet mir heute immer noch Gänsehaut. Tun konnte ich nichts, durch fehlenden Strom hatte ich keinen Handy-Akku. Ich konnte nur die Menschen in den Arm nehmen und ihnen sagen „Wir kriegen das wieder hin, wir schaffen das“.

So drehte ich meine Runden, Straße für Straße, Dorf für Dorf. Abends notierte ich mir alles und es wurden mehr und mehr Blätter. So verbrachte ich die nächsten Tage, Ich versorgte meine Lieben und ging mit Gummistiefeln durch den Schlamm zu meinen Kunden. Jeden Tag mindestens 40 Kilometer mit dem Rad und dann weiter 10 Kilometer zu Fuß.

Redaktion: Wie herausfordernd war es für Dich ein System zu finden, um in dieser Zeit arbeiten zu können?

Kim Hahn: Sobald wieder Strom da war, wusste ich genau, wie ich arbeiten wollte. Da meine Mitarbeiter auch alle von der Flut betroffen waren, musste ich mir einen Plan nur für mich alleine zurecht legen. Und ja, ich war sowas von bereit. Doch auch knapp eine Woche nach der Flut hatte sich nicht viel geändert. Handy-Netz gab es nur sporadisch, der Rest blieb unverändert. Das bisschen, was ich im Homeoffice erledigen konnte, war mir nicht genug. Hier und da kam mal ein Kunde auf der Handynummer durch. Einen Kontakt zu Versicherern hatte ich nicht.

Mein Mann kam dann auf die Idee, ein Notstromaggregat zu kaufen. Auf den ersten Blick war das eine gute Idee, aber ohne Strom funktionierte die Kartenzahlung nicht und das hieß, auch wir bekamen kein Bargeld bei der Bank. All solch kleinen und großen Hindernisse erschwerten meine Arbeit. Dinge, die für uns alle selbstverständlich sind. Eine Toilette mit Frischwasser oder auch Strom. Und genau in diesen Momenten fängst du an, dein Leben mit anderen Augen zu sehen. Dankbar für die kleinen Dinge zu sein und sich über den Regenbogen freuen, weil er gerade dein Fernsehen ist. Glückselig zu sein, weil deine Lieben leben und du weiter Zeit mit ihnen verbringen darfst. Das Radler, dass dir kalt die Kehle runterfließt, weil der ältere Mann von nebenan den Fluss als Kühlschrank genutzt hat.

Als das Aggregat da war und lief, war es für mich wie Ostern und Weihnachten zusammen. Meine IT-Frau kam und frickelte solange, dass ich auch endlich eingeschränkt Telefon und Internat hatte.

Sieben Tage nach der Flut konnte ich endlich arbeiten.

Ich sagte meinen Mitarbeitern Bescheid und alle standen trotz eigenen unfassbaren Schicksalen im Büro. Mittlerweile war auch klar: Das Gebäude durfte betreten werden. Nur die nach hinten gelagerte Scheune war einsturzgefährdet. Es war viel passiert und wir hatten ebenso viel zu tun.

Ab diesem Tag arbeitete ich 18 Stunden am Stück, ohne Toilette, ohne normales Essen. Und wenn der Kopf garnicht mehr wollte, schloss ich die Bürotüre zu, nahm mir eine Schaufel und schippte weiter Schlamm. Es war die härteste Erfahrung, die ich je gemacht habe. Körperlich, psychisch und physisch.

In Teil zwei des Interviews berichtet Kim Hahn über Ihre Erfahrungen hinsichtlich der Zusammenarbeit mit den Versicherern in dieser Zeit.

Titelbild: © Kim Hahn

Autor

Stephanie Gasteiger
Stephanie Gasteiger
Leitung der NewFinance-Redaktion mit beruflichem Hintergrund in der PR und Wurzeln am Chiemseeufer. Ist ganz nach Friedrich Nietzsche davon überzeugt, dass die Glücklichen neugierig sind. Und ebenso umgekehrt.

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