Teil 3 – Martin Gräfer und Prof. Dr. Hartmut Nickel-Waninger: Warum Reformen notwendig sind

(Zuerst erschienen im Versicherungsmonitor)

In Teil eins setzten sich Martin Gräfer und Prof. Dr. Hartmut Nickel-Waninger mit einer – ihrer Meinung nach – dringend notwendigen Brancheninitiative auseinander, die klärt, was sie unter einer Beratung und Vermittlung von Versicherungen unter „Berücksichtigung des bestmöglichen Interesses“ des Kunden verstehen. Und: wie sie einem entsprechenden Standard zur Durchsetzung verhelfen wollen.
Im zweiten Teil des Meinungsbeitrags ging es darum, weshalb der politische Abgesang der privaten Altersversorgung falsch und warum die Aufklärung des Kunden über die Auswirkungen des Niedrigzinses so wichtig ist. Teil drei des Meinungsbeitrags klärt nun, warum Reformen notwendig sind und die Branche das Vertrauen ihrer Kunden zurückgewinnen muss.

Eine Riester-Reform ist lange überfällig

Die Riesterrente ist tot. Und diejenigen, die sie wiederbeleben könnten, wollen das nicht. Warum handelt
die Politik hier derart stoisch und geht die lange überfällige Reform nicht an? Riester ist ein Erfolgsmodell, das vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung eingeführt wurde. Die Politik erkannte, dass das seinerzeitige Rentenniveau nicht zu halten war. Die Leistung der gesetzlichen Rentenversicherung wurden für die Zukunft gedeckelt und den Bürgern empfohlen, sich zusätzlich privat zu versichern. Dafür wurde mit Riester eine spezielle Kapitallebensversicherung entwickelt, welche Renten vorsieht, aber keine Leistungen vor dem Renteneintritt. Die bis dahin allgemein üblichen Todesfallleistungen wurden eingespart und dem Kollektiv zur Verfügung gestellt. Das senkte die Kosten des Produktes und führte zu einer möglichst hohen Rente für die eingezahlten Beiträge. Gleichzeitig wurden staatliche Zulagen eingeführt, die insbesondere Menschen mit niedrigen Einkommen zum Ansparen in Riester motivieren sollten.

Warum hat man damals keine staatliche Bürger-Rentenversicherung eingeführt oder das Geld in einen Bürgerfond eingezahlt? Weil zu dieser Zeit die Politik selbstkritisch genug war und nicht behauptet hat, sie könnte mit ihren Institutionen selbst alles besser. Insbesondere zweifelte man daran, ob man sich zurückhalten würde, wenn der Bürgerfond gut gefüllt und der Staat in eine finanzielle Notlage geraten würde! Es ist gut vorstellbar, dass Corona ein solcher Fall gewesen wäre. Deshalb verteilte man das Angebot für die Bürger, wie auch die Verantwortung für die Kapitalanlage auf viele Unternehmen, um einen volkswirtschaftlich bedrohlichen Kollateralschaden zu vermeiden! Vor so viel Selbsterkenntnis kann man nur Respekt haben!

Warum werfen wir alte Erfahrungen weg und wollen unbedingt alle Fehler der Vergangenheit noch einmal von Neuem wiederholen?

Riesterzulagen müssen erhöht werden

Nun zur Forderung: Wenn die Renditen für sichere Kapitalanlagen auf dem Markt so niedrig sind, dass sich das Produkt nicht mehr rechnen kann, warum werden dann die Riesterzulagen nicht erhöht? Die Mittel sind da, denn zur Finanzierung der Zulagen wurde die Ökosteuer eingeführt! Trotzdem wurden die Riestermittel nie im eingeplanten Volumen abgerufen! Warum ist das so? Riester ist eine geniale Idee, aber auch sehr komplex. Insbesondere das Zulassungs- und Zulagenverfahren ist kompliziert. Anstatt beispielsweise die Finanzämter damit zu beauftragen, wurde eine eigene Behörde gegründet.

Es gab noch ein Learning: Nach anfänglicher Begeisterung für Riester lief der Absatz schlecht. Die Vermittler, im Allgemeinen Selbstständige, die nicht zum Verkauf bestimmter Produkte gezwungen werden können, hatten kein Interesse an der Vermittlung dieses komplexen Produktes – trotz teilweise sehr vehementer Aufforderungen durch ihre Versicherer. Die Politik hatte nämlich die Abschlusskosten staatlich gedeckelt und damit die Vergütungen gesenkt! Erst nach Lockerung dieser Beschränkung lief auch der Absatz!

Wer von uns würde für mehr Aufwand auch noch schlechter bezahlt werden wollen?

Staatliche Zwangsheilmittel sind also oft mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden. Die private Lebensversicherung ist nicht überholt, sie hat die Kraft sich anzupassen, braucht aber von staatlichen und fiskalpolitischen Maßnahmen weitgehend freie Kapitalmärkte. Sonst lässt sich die Zukunft nicht prognostizieren. Politische Rahmenbedingungen sind nicht abschätzbar. Lebensversicherungen sind Produkte der und für die freie Marktwirtschaft!

Zudem sollten Lebensversicherer ihre Kunden wesentlich offensiver auf die Zusammenhänge und Auswirkungen zwischen Kapitalmarktpolitik und Rentabilität ihrer Lebensversicherungen aufmerksam machen – sie gehören zur Beratungspflicht. Gleichzeitig sollte man sich nicht scheuen, für die Kunden staatliche Ausgleichszahlungen für die entgangenen Kapitalerträge zu fordern! Gerne sozial gestaffelt! Mit der Erhöhung der Riesterzulagen als staatlich reglementiertes Produkt sollte man beispielhaft beginnen!

Diese Forderungen sind nach unserer Meinung längst überfällig. Die Hinweise auf die Zusammenhänge zwischen Kapitalmarktpolitik und Rentabilität von Lebensversicherungen gehören mit zur Beratungspflicht, der Zeitpunkt für eine Initiative ist nicht nur wegen der Wahlen günstig, sondern insbesondere auch deshalb, weil die Versicherer mit und für ihre Kunden den Umbau zu einer nachhaltigen Wirtschaft finanzieren sollen.

Transparenz und Kundenorientierung müssen verstärkt werden

Auch das Thema Vertrauen ist für unsere Branche zukunftsrelevant. Daher müssen wir alles daransetzen, Transparenz und Kundenorientierung zu verstärken.

Die Frage, die wir uns stellen müssen, ist: Wo liegt der Handlungsauftrag – bei der Politik oder in unserer Branche?

Wir meinen, unsere Branche muss die Kraft haben, auch derart kritische Themen selbst zu regeln. Wo fehlt uns bislang der Blick auf unsere Kunden? Schauen wir auf Restschuldversicherungen: Diese werden noch immer in der beanstandeten Höhe und intransparent mit den Kunden vereinbart. Auch sehen wir es kritisch, wie wenig Transparenz und Kundenorientierung bei fondsgebundenen Rentenversicherungen in der Branche bestehen: Informieren wir unsere Kunden proaktiv über die Wertentwicklungen? Machen wir ihnen Veränderungen einfach und leicht? Besteht Transparenz darüber, welche Kosten wirklich verrechnet werden?

Einen schlechten Ruf haben sich Lebensversicherer auch durch Kickbacks, also versteckte Provisionen bei Fonds durch Rückvergütungen von Investmentgesellschaften an deren Vermittler (um Beispiel Versicherer), erarbeitet. Hier hat der GDV vor rund zehn Jahren empfohlen, dass „zur Stärkung der Transparenz Rückvergütungen beim Abschluss fondsgebundener Versicherungen auszuweisen” sind. Ob dies in der Praxis jedoch eingehalten wird, ist schwer zu beurteilen.

Transparenz auch im Hinblick auf Kundendaten

Ein großer Punkt bei der Vertrauensbildung ist auch der Umgang mit Kundendaten. Wem gehören sie und wie dürfen sie genutzt werden? Ganz klar: Die Daten gehören in erster Linie unseren Kunden, zumindest dann, wenn sie dem Kunden direkt zuzuordnen sind. Und auch im Kollektiv gewonnene Daten bilden einen Mehrwert, an dem eben das Kollektiv zu beteiligen ist. Damit gehört das Thema Datenschutz schon jetzt zu unseren Kernaufgaben. Gleichsam aber auch die Transparenz im Hinblick auf die gewonnenen Daten. Es ist an uns, unsere Kunden darüber in Kenntnis zu setzen, welche Daten wir wann, wie und wo über sie speichern und was wir damit machen.

Nachhaltigkeit als Chance für die Versicherungswirtschaft

Wir sind fest davon überzeugt: Unternehmen, die proaktiv handeln, sich stetig hinterfragen sowie transparent und im Sinne der Kunden nach Verbesserungen streben, gehören am Ende zu den Gewinnern. Kundenorientierung fördert das Vertrauen in Unternehmen und ist damit zukunftsrelevant. Unternehmen investieren auf diese Weise automatisch in ihre langfristige Entwicklung.

Wir dürfen Kunden nicht länger nur mehr als Käufer wahrnehmen, sondern vielmehr als Partner.

Dabei spielt auch das Thema Nachhaltigkeit eine wichtige Rolle. Es ist für die Versicherungsbranche die Chance der Zeit. In der Kapitalanlage haben wir gemeinsam mit unseren Kunden einen enormen Hebel in der Hand, die Zukunft unseres Planeten mitzubestimmen. Die Möglichkeit Kundengelder ESG-konform anlegen zu können, kann und wird einen Beitrag dazu leisten, dem Klimawandel entgegen zu wirken. Wir können als Branche gemeinsam mit und für unsere Kunden etwas bewegen, wenn wir uns bewegen und selbst Standards setzen! Jedem Anbieter und jedem Vermittler und Berater soll es freigestellt sein, sich dazu selbst zu verpflichten. Und gemeinsam werben wir bei unseren Kunden für diese Standards. Das macht den Unterschied.

Passivität bringt die Branche nicht voran

Nur die Politik zu beklagen ist keine Lösung. Viele Politikerinnen und Politiker machen ihren Job sehr ernsthaft und sind bestrebt, unser Land weiterzuentwickeln. Lasst uns Partner der Politik sein und mit innovativen Ideen die Zukunft mitgestalten. Lasst es uns anders machen als andere Branchen, die umfassende Veränderungen beispielsweise in der Mobilität in Deutschland fast verschlafen haben.

Lasst uns vorangehen und endlich vor die Welle der notwendigen Veränderungen springen.

Den uns als Versicherer vertretenden Verband empfinden wir bei diesen großen Themen als zu passiv. Wir lesen bis auf wenige, sehr gute Ausnahmen einzelner Akteure des Verbandes, kaum Zukunftsthesen. Das Festhalten an einem wirkungsfreien Kodex ist keine Antwort auf die aktuellen und schon gar nicht auf die zukünftigen Herausforderungen!

Die Kräfte für die Zukunft vereinen

Wir haben weder auf all diese Fragen bereits Antworten, noch sehen wir uns als Einzelkämpfer. Große Herausforderungen verlangen vereinte Kräfte. Deshalb sollten wir als Branche nicht immer versuchen, alles alleine zu machen. Was spricht also dagegen, Neues auszuprobieren, Innovationen zu adaptieren und sich mit Gleichgesinnten und Partnern zusammenzutun, um gemeinsam die Ziele einfacher und schneller zu erreichen?

Wir sind bereit, uns gemeinsam mit allen interessierten Kolleginnen und Kollegen der Branche einzubringen, mitzudenken und auch zumindest teilweise voranzugehen.

Dies haben wir in einigen Bereichen auch bereits unter Beweis gestellt. Ein Beispiel ist unsere nachhaltige Tochter Pangaea Life oder auch die Tatsache, dass unser Haus seit mehr als 30 Jahren alle Lebensversicherungstarife immer auch als echte Nettopolicen anbietet. Wir sind uns sehr bewusst, dass viele Versicherer in Deutschland teilweise mutige und überaus kundenorientierte Lösungen anbieten. Vielfach sind diese gerade im Mittelstand der Branche zu finden.Gerade diesem innovativen Mittelstand gilt es eine Stimme zu geben. Am besten im Branchenverband oder wenn das nicht möglich ist auch davon losgelöst.

Titelbild: © Prof. Dr. Hartmut Nickel-Waninger, Martin Gräfer/die Bayerische

Autor

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