Dr. Herbert Schneidemann: „Viele Menschen unterschätzen den Wert ihrer Arbeitskraft“

Besonders junge Menschen haben zu BU-Risiken keinen Bezug – obwohl es jeden treffen kann. Wie erreicht man nun eine Zielgruppe, die bekanntermaßen keinen großen Bezug zu Versicherungen hat? Ein Interview mit Dr. Herbert Schneidemann, Vorstandsvorsitzender der Bayerischen und Chef der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV).

Redaktion: „Viele junge Menschen haben keine BU. Gleichzeitig zeigt nicht nur die Pandemie: Eine Absicherung ist auch in jungen Jahren wichtig. Wie können Versicherer Ihrer Meinung nach junge Menschen für das Thema sensibilisieren?“

Dr. Herbert Schneidemann: „Wir müssen uns zuerst einmal fragen: Warum ist das so? Ich denke, es liegt zum Teil daran, dass junge Menschen eher eine positive Grundstimmung haben und glauben, dass ihnen schon nichts Schlimmes zustoßen wird. Nach dem Motto: ‚Ich habe einen ganz normalen Beruf, mir kann kein schlimmer Unfall passieren.‘ Die Kunst ist jetzt, ihnen einerseits klar zu machen, dass statistisch fast jeder Vierte im Arbeitsleben einmal berufsunfähig wird und es sich somit um kein marginales Risiko handelt.  Andererseits ist es auch wichtig, dabei nicht die ‚Angstkeule’ zu schwingen. Am besten funktioniert das mit dem Einsatz von Botschaftern, die das Bewusstsein für eine Absicherung authentisch rüberbringen können. 

Es ist unsere Aufgabe, den Wert der Arbeitskraft zu verdeutlichen. Viele Menschen unterschätzen dies. Ein Beispiel: Wer 3000 Euro im Monat verdient, kommt im Jahr auf 36.000 Euro. Innerhalb von 30 Arbeitsjahren beläuft sich der Betrag dann auf über eine Million Euro. Und so einen Wert sichert man nicht ab, aber ein Smartphone schon?“

Redaktion: „Was können Vermittler tun, um die junge Zielgruppe zu erreichen?“

Dr. Herbert Schneidemann: „Ich würde den klassischen Weg nicht vernachlässigen und auch die Eltern dafür sensibilisieren, dass sie ihre Kinder frühzeitig absichern. Schüler und Studenten haben oft weder die Mittel noch die Muße, sich damit auseinanderzusetzen.

Aber es ist auch wichtig, die junge Zielgruppe direkt anzusprechen – am besten über Social Media. Anders als beim Besuch vor Ort kann man in den sozialen Netzwerken Erfahrungsberichte von Betroffenen zeigen.“

Redaktion: „Psychische Erkrankungen sind immer noch ein Tabuthema, aber die häufigste Ursache für eine Berufsunfähigkeit. Wie kann man diese Thematik gut in einem Kundengespräch unterbringen?“

Dr. Herbert Schneidemann: „Über Zahlen und Fakten. Den Kunden fragen: ‚Was müsste passieren, damit Sie berufsunfähig werden?‘ Wahrscheinlich wird die Antwort meist lauten: ‚Ein Unfall.‘ Und dann kann man darauf hinweisen, dass psychische Probleme die häufigste Ursache sind, auch wenn sie manchmal nur temporär sind. Dies kann man auch mit den passenden Erfahrungsberichten ergänzen. Wer kann es sich schon leisten, zwei Jahre ohne Einkommen leben zu müssen, weil man in ein Loch gefallen ist? Die Zahlen sprechen da eine deutliche Sprache. Es ist wichtig, das Thema mit einem offenen Umgang damit zu enttabuisieren.“

Redaktion: „Vor allem junge Frauen sind schlecht abgesichert, haben aber unter Umständen ein erhöhtes Risiko berufsunfähig zu werden. Woher rührt diese Diskrepanz?“

Dr. Herbert Schneidemann: „Dazu gibt es keine gesicherten Erkenntnisse. Es kann sein, dass durch die Doppelbelastung bei Frauen die Berufsunfähigkeit deutlich gestiegen ist. Zudem ist es bei Frauen häufiger so, dass sie nicht zuerst an sich denken und daher auch nicht an die eigene Absicherung. Vielleicht müssten Frauen auch etwas egoistischer sein.“

Redaktion: „Muss die Absicherung sich dann mehr an Frauen und ihren Bedürfnissen orientieren? Wie könnte das aussehen?“

Dr. Herbert Schneidemann: „Allgemein würde ich sagen, dass der Bedarf bei Frauen nicht anders als bei Männern ist. Allerdings sind bei ihnen unstete Lebensläufe etwas häufiger als bei Männern, da sie meist den Großteil der Erziehungsarbeit leisten. Deshalb kann es sein, dass sie einen höheren Bedarf an Flexibilität der Produkte haben. Zudem kann es in jungen Jahren – für alle Geschlechter – eine wichtige Rolle spielen, dass sie sich mit einer BU nicht finanziell überbelasten.“

Redaktion: „Welche besonderen Angebote hat die Bayerische für die junge und weibliche Zielgruppe?“

Dr. Herbert Schneidemann: „Für die junge Zielgruppe bieten wir die BU Young. Diese beginnt mit niedrigen Beiträgen, die später teurer werden. Mit diesem Angebot wollen wir den Effekt vermeiden, dass junge Menschen keine BU abschließen, weil sie ihnen zu teuer erscheint. Und wenn sie sich dann später im Berufsleben eine leisten könnten, gestaltet sich der Abschluss viel schwieriger.

Und speziell bei Frauen mit unsteten Lebensläufen durch familienbedingte Pausen bei der Erwerbsarbeit bieten wir mit unserer BU flexible Möglichkeiten zur Reduktion oder dem Aussetzen, ohne dass danach noch einmal eine Gesundheitsprüfung absolviert werden muss. Erziehungsarbeit soll niemanden davon abhalten, sich nicht ausreichend abzusichern.“

Titelbild: © die Bayerische

Autor

Lisa Mayerhofer
Mitglied der NewFinance-Redaktion mit vorherigen Stationen beim Süddeutschen Verlag und Burda Forward.

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