Frank Böttcher: „Mit Physik lässt sich nicht verhandeln“

Die Flutkatastrophe hat gezeigt: Deutschland muss sich besser auf Extremwetterereignisse und deren Folgen einstellen. Wir haben mit dem Meteorologen Frank Böttcher gesprochen, wie der Klimawandel Deutschland ändern wird – und mit Schadenregulierern der Bayerischen darüber, wie die Versicherungswirtschaft reagieren sollte.

Tobias Fuchs: „Das Wetter wird sich ändern“

Die heftigen Starkregenfälle und Überschwemmungen haben im Juli in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen für Todesopfer und zahlreiche Schäden in Milliardenhöhe gesorgt. Nun geht es um die Fragen, ob Extremwetterereignisse wie diese uns noch öfter drohen und ob sich so eine Tragödie in Zukunft verhindern lässt.

Die Wetter-Experten, die der Meteorologe Frank Böttcher zum Extremwetterkongress in Hamburg geladen hat, haben darauf eine klare Antwort: „Der Klimawandel wird dafür sorgen, dass sich das Wetter ändern wird. Wir müssen künftig mit noch häufigeren Starkregen und Hitzewellen rechnen und diese werden noch mehr Opfer fordern und Schäden verursachen. Deshalb müssen wir verhindern, dass sich das weiter verschärft. Wir müssen den Klimawandel eingrenzen“, fordert Tobias Fuchs, Vorstandsmitglied und Leiter des Geschäftsbereichs Klima und Umwelt des Deutschen Wetterdienstes.

Im Interview erklärt Frank Böttcher näher, wie der Klimawandel Deutschland verändern wird: „Wir müssen in Deutschland vor allem vermehrt mit Hitzewellen rechnen und mit ausgedehnter Trockenheit plus Starkregenfällen. Denn das sind zwei Seiten einer Medaille: Je wärmer es wird, desto stärker steigt die Luftfeuchtigkeit an, um etwa sieben Prozent pro Grad. Wenn zum Beispiel die Temperatur von 16 auf 20 Grad steigt, haben wir ein um 35 Prozent höheres Niederschlagspotential. Das sind gewaltige Mengen, die dann niederprasseln können.“

Frank Böttcher: „Auch in Städten ist Vorsicht geboten“

Und wie beurteilen Schadenregulierer die Situation? Auch Klaus Probst, Leiter Schadenmanagement und Rückversicherung bei der Bayerischen, ist der Meinung, dass der Klimawandel negative Auswirkungen zeigt: „Seit ein paar Jahren erhöht sich die Frequenz von Starkregen, Überschwemmungen und Hagel. Bei Stürmen beobachten wir das bisher noch nicht. Unsere Beobachtungen werden auch durch Statistiken und Auswertungen einiger Rückversicherer gestützt. Sein Kollege Christian Veit, Leiter Aktuariat Komposit, spricht von einer „Häufung in den letzten Jahren, die ich schon als auffallend bezeichnen würde“.

Zu der erhöhten Wahrscheinlichkeit für Starkregen kommt dann die vermehrte Flächenversiegelung und trockene Böden, die das Wasser nicht so gut aufnehmen können. So beeinflussen mehrere Faktoren, ob aus einem Starkregen eine Flutkatastrophe werden kann.

Nicht nur die Bodenbeschaffenheit, sondern auch die Region spielt dabei eine Rolle: „In der Alpenregion gibt es eine extrem hohe Ablaufgeschwindigkeit mit einem hohen Schadenpotenzial. Dazu sind Murenabgänge, Felsstürze und Schlammlawinen möglich“, erklärt Böttcher. Ein anderes Schadensbild würden die Mittelgebirgsregionen bieten, bei denen sich das Wasser in Flüssen und Bächen akkumulieren und es zu flutartigen Überschwemmungen kommen kann.

„Wieder anders ist es in der Norddeutschen Tiefebene, einem flachen Land mit langsameren Abfließgeschwindigkeiten. Sollte es dort zu einer Überschwemmung kommen, steht das Wasser dann länger“, sagt Böttcher. „Dabei wird es wohl eher keine Wände wegreißen, sondern das Haus läuft voll und das Wasser steht dort lange.“

Außerdem weist Böttcher darauf hin, dass Starkregen nicht nur ländliche Regionen betreffen können: „Auch in Städten ist Vorsicht geboten. In Innenstädten gibt es teilweise nicht ausreichend Regenrückhaltestrukturen, da kann bei Starkregen alles voll laufen.“

„ZÜRS hat das Risiko nicht korrekt eingeschätzt

„Man hat sich in der Vergangenheit sehr auf die großen Flüsse als potentielles Risiko beschränkt“, sagt Veit. Dabei sei es auch wichtig, Modelle zu erarbeiten, die zeigen würden, wie sich Wassermassen bei Starkregen akkumulieren und wohin sie fließen.

Zwar gibt es mit ZÜRS des GDV (Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft) seit Jahren ein Zonierungssystem, das das Risiko für Schadensfälle durch Überschwemmung, Rückstau und Starkregen anzeigt. Dazu sagt Probst: „Im Ahrtal waren viele der stark betroffenen Häuser in den als wenig gefährdeten ZÜRS-Zonen 1 und 2 eingruppiert, obwohl die Flutkatastrophe nicht das erste Desaster in dem Tal war. Das zeigt, dass ZÜRS hier das Risiko nicht korrekt eingeschätzt hat.

Christian Veit spricht sich auch für neue Bauvorschriften aus: „Wir müssen lernen, dass es Regionen in Deutschland gibt, wo man nicht bauen sollte, weil die Risiken nicht mehr versicherbar sind.

Dass Elementarversicherungen nun langfristig boomen werden, davon gehen beide nicht aus.“ Ich denke, die anfänglich starke Nachfrage wird immer mehr abflachen. Grundsätzlich ist die Dichte von Elementarabsicherungen zu gering, erklärt Probst.

Was die Zukunft bringen könnte

Wie reagiert die Bayerische selbst auf diese Erkenntnisse? Veit: „Wir als Bayerische werden auf jeden Fall bei dieser Entwicklung nicht pauschal mit Beitragserhöhungen reagieren. Wir wollen einen individuelleren Weg gehen und uns pro Kunde eine Lösung zu überlegen. Unsere Vision ist ja, versichern überflüssig zu machen und Kunden zu helfen, dass die Schadensfälle gar nicht erst eintreten.

Probst schlägt eine grundsätzlichere Lösung vor: „Wir sollten besser die Ursachen des Klimawandels angehen und mehr auf Nachhaltigkeit achten. Einen Beitrag dazu leisten wir als Bayerische mit unsere grünen Marke Pangaea Life. Damit helfen wir dabei, die Probleme ökologisch zu lösen.

Mehr Nachhaltigkeit fordert auch Böttcher: „Egal welche Klimaziele ich umsetzen will, die Emissionen müssen auf Null runter. Immer. Mit Physik lässt sich nicht verhandeln. Sonst läuft Klimasystem aus dem Ruder.“

Titelbild: ©Frank Böttcher

Autor

Lisa Mayerhofer
Mitglied der NewFinance-Redaktion mit vorherigen Stationen beim Süddeutschen Verlag und Burda Forward.

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