Private Altersvorsorge: Nur noch was für die Oberschicht?

Die Inflation hat seit dem Sommer im wahrsten Sinne des Wortes unheimlich an Fahrt aufgenommen – eine Rate von 10 Prozent ist zu erwarten in Anbetracht der gestiegenen Energiekosten. Das Geld wird also knapper im Portemonnaie – mit weitreichenden Konsequenzen für die Kunden und die Versicherungsbranche: Altersvorsorgeverträge stehen in vielen Haushalten ganz oben auf der Streichliste.

Und auch in anderen Sparten schauen die Kunden in Zukunft mit Sicherheit mehr auf den Euro: Günstige Beiträge statt gutem Schutz – das dürfte bei vielen Versicherten das Spar-Mantra der kommenden Monate und Jahre werden. Wie ist die Stimmung unter den Kunden? Was kann die Branche jetzt tun? Welche Signale müssten aus der Politik kommen? Fragen und Antworten in der Krise.

Sparsignale: Ja, aber …

Tatsächlich stehen natürlich Versicherungsverträge im Fokus der Verbraucher – und natürlich geht es nicht um die private Haftpflichtversicherung oder die Hausratversicherung: Deren Prämien sind so gering, dass sie kaum nennenswertes Einsparpotenzial bieten.

Anders sieht es mit den teureren Verträgen aus – bei einer spontanen Maklerumfrage gaben knapp zehn Prozent der befragten Vermittler an, mit ihren Kunden bereits über Kürzungen im Gespräch zu sein. Weitere 15 Prozent rechnen damit, dass die Kunden sich im Laufe des Winters melden, wenn die Energiekosten weiter so steigen. Das heißt aber im Umkehrschluss – zumindest Stand heute:

Drei von vier Kunden – und damit die deutliche Mehrheit – scheinen die Versicherungen noch nicht auf den Prüfstand stellen zu wollen.

Das deckt sich auch mit den Erfahrungen von Experten wie Justus Lücke von den Versicherungsforen Leipzig. Nach seinen Rückmeldungen aus der Branche stehen die Versicherer nicht vor einer Kündigungswelle.

Was ist zu tun?

Die Versicherer haben zu Beginn der Pandemie sehr schnell den Instrumentenkoffer geöffnet und dem Kunden eine erleichterte Stundung und Beitragsfreistellung ermöglicht. Diese Kriseninstrumente sollten Vermittler jetzt im Kopf haben und mit den Kunden auch darüber sprechen – die Kunden müssen wissen, dass sie Hilfe bekommen, wenn ihre finanzielle Situation sich schnell und unerwartet verschlechtert.

Keinen Rückzieher machen

Auch die Vermittler sind in der jetzigen Situation gefordert. Natürlich steht vielen Kunden eine warme Wohnung heute näher als eine Zusatzrente in drei oder vier Jahrzehnten. Aber wenn Vermittler jetzt mit Rücksicht auf die Situation das Thema private Altersvorsorge und Vorsorge biometrischer Risiken allgemein aus dem Fokus nehmen, dann verschwindet es eben auch aus dem Blickfeld der Kunden. Und das ist gefährlich, denn dann reduziert sich für den Kunden ganz automatisch auch die Wichtigkeit dieser Themen. Und das ist weder im Interesse des Kunden noch des Vermittlers.

Was ist zu tun?

Natürlich ist es schwer, mit Kunden in eine Beratung und Vermittlung zu kommen, wenn ihr Budget ohnehin schon strapaziert ist. Aber zumindest sollten Vermittler das Thema Altersvorsorge und Vorsorge im weiteren Sinne am Köcheln halten und den Kunden regelmäßig informieren. Die Message dabei ist so bitter wie wahr:

Ohne Vorsorge wird die aktuelle Situation für finanzschwache Haushalte mit wenig Rente und ohne eigene Vorsorge im Alter zum Standard.

Die Rente ist sicher!

Die Blümsche Aussage aus dem Jahr 1986 hat sich in das Bewusstsein der Menschen eingebrannt. Leider, muss man sagen, denn so sicher die Rente als Institution sein mag, so wenig sicher ist ihre Höhe. Hier ist auch die Politik gefordert, die nicht ausreichende Versorgung mit der gesetzlichen Rente der Deutschen Rentenversicherung zu thematisieren und die Notwendigkeit der privaten Vorsorge herauszustellen.

Was ist zu tun?

Die Rentenbezieher der Zukunft müssen wissen, was auf sie zukommt. Noch immer sind die tatsächlichen Versorgungslücken im Alter kaum bekannt, die Politik kann hier schon früh schon in der Schule ansetzen und die Problematik thematisieren, aber nicht nur das: Die Politik muss bessere finanzielle Anreize setzen als bisher.

(Bessere) Anreize schaffen

Die private Vorsorge muss attraktiver werden und breiter aufgestellt sein. Das wird ohne Förderung nicht gehen und die heutigen Modelle taugen nur bedingt. Die betriebliche Altersvorsorge sollte zum Pflichtprogramm werden. Und es braucht einfache und leicht verständliche Produkte für jedermann – leicht zugänglich, einfach verständlich und sinnvoll auf die Interessen der Sparer abgestellt. Denn eine Riester-Rente fristet mittlerweile ein Schattendasein und die Rürup-Rente ist nur für wenige Menschen sinnvoll und für noch weniger verständlich.

Was ist zu tun?

Die Kombination aus der gesetzlichen Rente, der betrieblichen Altersvorsorge sowie den geförderten Modellen hat sich nicht wirklich als großer Wurf herausgestellt. Die Modelle gehören überarbeitet, vereinfacht und entbürokratisiert. Wenn die Menschen schneller und einfacher verstehen, warum und wie sie für das Alter vorsorgen, dann tun sie es auch zahlreicher als heute.

Garantien diskutieren

Auch das leidige Thema Kapitalgarantien muss auf den Tisch und in die Diskussion. Gerade jetzt in Zeiten der Inflation muss jedem klar werden, dass wir keine 100 Prozent Garantie brauchen, sondern überdurchschnittliche Renditen. Ansonsten sparen die Menschen sich arm, weil sie an einem Garantiemodell hängen, das aus einer anderen Zeit kommt.

Was ist zu tun?

Versicherer, Vertriebe und Vermittler müssen das Thema Garantien auf die Agenda setzen. Denn schon ab 80 Prozent Kapitalgarantie ist eine Rendite von über vier Prozent eher unwahrscheinlich – und das vor Kosten. Eine solche Rendite reicht nicht einmal, um die Inflation auszugleichen! Hier hilft nur Aufklärungsarbeit bei allen Kunden, die Garantieprodukte wünschen.

Politische Signale der Solidarität setzen

Die gesetzliche Rentenversicherung klammert viele Menschen aus: Menschen mit einem hohen Einkommen zum Beispiel durch die Bemessungsgrenzen: Warum zahlt jemand mit 20.000 Euro Gehalt genauso viel in die Rente ein wie jemand mit 7.000 Euro? Natürlich bekommen beide auch „nur” die gleiche Rente, aber mit Beiträgen nach dem Prinzip der Leistungsfähigkeit hat das nichts zu tun. Was ist mit Selbstständigen zum Beispiel, die oft gar nicht einzahlen müssen? Beamte, deren Dienstherren die Altersbezüge zu Lasten der Allgemeinheit alleine finanzieren? Vermögende ohne Arbeitseinkommen, die sich aus dem Solidarsystem komplett verabschiedet haben?

Das heutige System der gesetzlichen Rente funktioniert auch deswegen nicht mehr, weil Millionen Menschen unsolidarisch nicht daran beteiligt sind.

Was ist zu tun?

Die Politik muss tatsächlich den Mut aufbringen, die Basis der Beitragszahler deutlich zu vergrößern – ansonsten fährt das System mit unbezahlbaren Beiträgen gegen die Wand. Und es geht dabei nicht mehr um das “Ob”, sondern nur noch um das “Wann”.

Kosten senken

Natürlich sind die hohen Kosten der privaten und betrieblichen Altersvorsorge über die Rentenversicherungen eines der Kernprobleme. Die Kostenquoten zehren am Vermögen und damit am Wert der privaten Vorsorge. Die Reaktion der Kunden ist dabei mehr als verständlich: Natürlich suchen die nicht nach kostengünstigen Rentenversicherungen, sondern gehen auf Alternativen wie ETF-Sparpläne. Noch häufiger aber machen die Sparer stattdessen nichts und kümmern sich gar nicht um die Vorsorge.

Was ist zu tun?

Vermittler und Versicherer haben es in der Hand, mit einer vernünftigen Kostenstruktur in allen Bereichen die private Altersvorsorge mit einer Rentenversicherung attraktiv zu gestalten. Und das ist keine Wahlmöglichkeit für den Vertrieb, sondern der einzige Ausweg, um die private Rentenversicherung in die Zukunft zu bringen.

Titelbild: © okrasiuk/stock.adobe.com

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