Judith Grümmer: „Das Familienhörbuch zeigt, dass Liebe stärker ist als der Tod“

Die Bayerische unterstützt seit Jahresbeginn die gemeinnützige Organisation Familienhörbuch gGmbH. Das Familienhörbuch ermöglicht es Eltern, Geschichten und Erfahrungen ihres Lebens mit eigener Stimme und mit eigenen Worten festzuhalten und so für ihre minderjährigen Kinder in einzigartiger Erinnerung zu bleiben. Wir sprachen mit Judith Grümmer, der Geschäftsführerin der Familienhörbuch gGmbH, über die Entstehungsgeschichte des Projekts. Außerdem: warum sich Corona positiv auf das Familienhörbuch ausgewirkt hat. Und: Warum das sehr emotionale Erstellen der Hörbücher auch schöne Momente der Lebensfreude hervorbringt.

Sabine Bader: Die gemeinnützige Organisation Familienhörbuch ermöglicht sterbenskranken Müttern und Vätern mit minderjährigen Kindern die Erstellung einer professionellen Audiobiografie. Wie kam es zur Gründung?

Judith Grümmer: Die Idee ist eigentlich schon sehr alt. Als junge Frau war ich im Medizinjournalismus tätig und hatte dort die Palliativmedizin als eines meiner Kernthemen. Damals habe ich auch zahlreiche Interviews mit schwerkranken Menschen geführt. Als ich dann eine eigene Familie gegründet habe, stellte ich mir die Frage, was wäre, wenn ich als junge Mutter mit der Diagnose „palliativ“ konfrontiert werden würde und kleine Kinder hinterlasse. Wie würde ich ihnen meine Erinnerungen hinterlassen wollen? Mir kam damals die Idee, dass ich meine Lebensgeschichte über einen Kassettenrecorder aufnehmen würde.

An der Uniklinik Köln habe ich auch als Ehrenamtliche Interviews mit Palliativpatienten geführt und einen Effekt festgestellt: Es fällt Menschen oft leichter, ihre Lebensgeschichte einer unbekannten, neutralen Person zu erzählen als jemandem aus dem engen Umfeld – auch wenn es erstmal befremdlich wirkt, einem Fremden seine sehr privaten Erinnerungen mitzuteilen. Aber viele können sich gegenüber jemanden über Dinge wie Kindergarten, die erste Liebe oder auch Jugendsünden leichter öffnen, den man nicht kennt, der aber für so etwas professionell ausgebildet ist.

Der Aspekt, dass Erinnerungen mit eigener Stimme festgehalten werden können, hat mich immer schon berührt. Damit erzeugt man eine ganz andere Authentizität, als wenn man Erinnerungen schriftlich festhält.

Ich habe früher auch mit älteren Menschen zusammengearbeitet, die ihre Lebensgeschichte auf Hörbuch aufnehmen lassen wollten und dafür auch die anfallenden Kosten übernommen haben. Allerdings ist mir bewusst geworden, dass ältere Leute genug Zeit hatten, in ihrem Leben Spuren zu hinterlassen und auch Kinder haben, die erwachsen sind und genug Möglichkeiten hatten, ihre Eltern kennen zu lernen und sie nach Dingen aus ihrem Leben zu fragen. Junge sterbenskranke Eltern und deren kleine Kinder haben diese Möglichkeiten nicht.

Sabine Bader: Und wie fanden sich Kooperationspartner für das Projekt?

Judith Grümmer: Vor ungefähr acht oder neun Jahren habe ich angefangen, ein Konzept dafür zu schreiben, wie man palliativ erkrankten jungen Eltern die Möglichkeit geben kann, mit ihrer eigenen Stimme ihre Lebensgeschichte festzuhalten und als Geschenk für ihre Kinder zu hinterlassen. Mir war wichtig, dass das Projekt wissenschaftlich begleitet wird. Ich konnte Prof. Dr. Lukas Radbruch vom Universitätsklinikum Bonn gewinnen, das Familienhörbuch im Rahmen einer dreijährigen Pilotstudie zu begleiten. Durch eine Förderung der RheinEnergie Stiftung wurde 2017 die Produktion der ersten 25 Hörbücher ermöglicht.

Die erste, auf drei Jahre befristete und auf den Raum Köln-Bonn begrenzte Pilotstudie lief planmäßig im Frühjahr 2020 aus. Um das Angebot eines Hörbuchs auch weiterhin betroffenen Familien anbieten zu können und dies auch deutschlandweit, habe ich im Herbst 2019 die als gemeinnützig anerkannte Familienhörbuch gGmbH gegründet.

Mir war auch von Anfang an klar, dass das Hörbuch für die betroffenen Familien umsonst sein muss.

Denn meist haben junge Familien – besonders in der schweren Situation, die oft mit Arbeitsunfähigkeit einhergeht – nicht genug Geld, um die professionell erstellten Hörbücher, deren Erstellung mehrere Tausend Euro kostet, zahlen zu können. Und außerdem überlegt man im Zweifel dann in so einer Situation, in der nur noch wenig Lebenszeit übrig bleibt, ob man mit dem Geld nicht doch nochmal lieber einen Familienurlaub macht.

Sabine Bader: Wie genau läuft die Erstellung eines Hörbuchs ab?

Judith Grümmer: Die Projektteilnehmer, also die schwerstkranken Mütter und Väter kleiner Kinder erfahren über verschiedene Wege vom Familienhörbuch, beispielsweise über Social Media, die Kliniken oder Selbsthilfegruppen. Wenn sie sich anmelden, müssen Sie erstmal einen Antrag ausfüllen, damit wir prüfen können, ob sie die Voraussetzungen zur Teilnahme erfüllen. Wenn sie aufgenommen werden haben sie vor der Tonaufnahme auch die Möglichkeit, sich mit einem Handbuch ein bisschen auf die Erstellung des Hörbuchs vorbereiten.

Die eigentliche Aufnahme ihrer Erinnerungen erfolgt dann entweder im Rahmen eines Face-to-Face-Interviews oder – gerade unter Corona – online. Je nach Gesundheitszustand und Wohnort der Teilnehmer kann es sein, dass das Gespräch bei ihnen stattfindet, sie zu mir nach Hause in die Eifel kommen oder dass wir sie im Krankenhaus besuchen. Die Aufnahme selbst dauert dann maximal drei Tage, in denen dann oft auch längst vergessene Erinnerungen wieder hervorgerufen werden. Die Teilnehmer suchen auch die Musik oder zumindest die Musikrichtung aus und manchmal haben sie auch dramaturgische Ideen. Danach machen sich unsere Techniker an die Produktion des Hörbuchs, das – wenn es fertig ist – ungefähr sechs Stunden dauert.

Sabine Bader: Inwiefern hat Corona die Produktion beeinflusst?

Judith Grümmer: Corona hat die Produktion sehr beeinflusst – aber eher im positiven Sinne. Viel mehr Menschen machen sich Gedanken über die Werte des Lebens und auch dessen Endlichkeit.

Das Familienhörbuch beschäftigt sich mit Themen, die mit Angst verbunden sind und mit denen die Menschen eigentlich nicht gerne zu tun haben.

Aber die Sensibilität steigt hier eindeutig – auch bei den Medien, die stark an unserem Projekt interessiert sind. Einen zweiten positiven Effekt haben wir dadurch, dass das Team des Familienhörbuchs ohne Corona nicht so viel Zeit gehabt hätte, sich um das Projekt zu kümmern. Viele sind Künstler im Bereich der Tontechnik, die ansonsten auf Tourneen oder Auftritten unterwegs wären. Neben vielen Ehrenamtlichen gibt es auch einige, die gegen Honorar für uns arbeiten. Ihnen in Coronazeiten eine Einnahmequelle zu geben, freut mich auch sehr. Und dann gibt es auch Leute, die jetzt sehr viel Zeit haben, etwas Sinnvolles machen wollten und uns deshalb ehrenamtlich unterstützen.

Sabine Bader: Wie viele Menschen gehören mittlerweile zu Ihrem Team und was sind die verschiedenen Aufgaben?

Judith Grümmer: Unser Team besteht mittlerweile aus 29 Personen. Darunter sind viele, die ehrenamtlich arbeiten. Wir haben Kolleginnen und Kollegen im Bereich PR und Fundraising im Team, aber auch einen Rechtsanwalt, eine Buchhalterin, einen Steuerberater, eine Assistentin und einen Datenschutzbeauftragten. Darüber hinaus haben wir auch ausgebildete Hörfunkjournalisten beziehungsweise Audiobiografen, die die Gespräche führen. Für die Produktion haben wir Leute im Bereich Tontechnik und Sounddesign. Und dann unterstützen uns auch verschiedene Organisationen und Unternehmen.

Familienhoerbuch
Judith Grümmer, Geschäftsführerin der Familienhörbuch gGmbH, bei der Aufnahme mit einer Patientin.
Sabine Bader: Gibt es ein bestimmtes Schicksal, das Ihnen im Rahmen der Arbeit mit Familienhörbuch besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Judith Grümmer: Ich kann gar kein Einzelschicksal nennen, denn alle sind auf ihre Art und Weise berührend. Was mir vor allem im Gedächtnis bleibt, ist das Vertrauen, dass sich aufbaut, während man zusammen an dem Hörbuch arbeitet. Und wie die Teilnehmer sich öffnen, während sie ihre Lebensgeschichte erzählen. Aber auch die Lebensfreude, die sich zeigt, wenn Geschichten aus einer glücklichen Vergangenheit erzählt werden, bleibt stark im Gedächtnis. Ich finde es beeindruckend, wie man es schafft, Kräfte aus Liebe zur Familie und zu den Kindern freizusetzen, um ihnen in einer solchen Situation ein Hörbuch als Geschenk zu hinterlassen. Die Familienhörbuch ist damit für mich ein intensives Ja zum Leben und zeigt, dass Liebe stärker ist als der Tod.

Sabine Bader: Wie gehen Sie mit den sehr emotionalen und traurigen Schicksalen um, inwiefern belastet Sie das auch abseits der Arbeit für das Familienhörbuch?

Judith Grümmer: Man fühlt jedes Mal mit, aber man darf nicht mitleiden, sondern muss sich eine gewisse professionelle Distanz bewahren. Für mich gehört es deshalb dazu, immer beim „Sie“ zu bleiben“, auch wenn man sehr intensiv miteinander arbeitet und ich die privatesten Einblicke in das Leben der Teilnehmer bekomme.

Sabine Bader: Gibt es auch schöne Momente oder Dinge, aus denen Sie oder die Beteiligten Kraft schöpfen?

Judith Grümmer: Auf jeden Fall. Ich empfinde es als sehr schön, wenn man zusammensitzt, sich Vertrauen entwickelt und sich manchmal auch einige – ich nenne es – Erinnerungstürchen öffnen. Also wenn Erinnerungen durch den Erzählprozess wieder hervorgerufen werden, die längst nicht mehr präsent waren. Und dann ist da auch noch der schöne Gedanke, dass wir Familien ein wertvolles Geschenk ermöglichen.

Sabine Bader: Das Familienhörbuch kann anderthalb Jahre nach seiner Gründung schon auf eine kleine Erfolgsgeschichte zurückblicken. Wie viele Familien haben schon ein Hörbuch ermöglicht bekommen?

Judith Grümmer: Mittlerweile sind das rund 70 bis 80 Hörbücher. Vor kurzem haben wir die hundertste Teilnehmerin aufgenommen. Leider kann nicht jeder, der als Teilnehmer angemeldet ist, ein Hörbuch fertig erstellen. Manchmal erlaubt es der Gesundheitszustand nicht mehr oder die Teilnehmer versterben, bevor sie ihre Lebensgeschichte für das Hörbuch zu Ende oder zumindest überwiegend erzählen konnten.

Sabine Bader: Das Projekt finanziert sich ausschließlich aus Spenden. Wie gut ist das Familienhörbuch derzeit finanziell aufgestellt?

Judith Grümmer: Mittelfristig, also das nächste halbe Jahr oder Jahr sind wir abgesichert. Langfristig allerdings benötigen wir dringend Unterstützung. Wir haben am Anfang der zweiten Coronawelle gemerkt, dass die Spenden eingebrochen sind.

Dauerhaft können wir auch nicht mit der aktuellen Struktur der zahlreichen Ehrenamtlichen weitermachen. Aber um jemanden fest einzustellen, benötigen wir mehr finanzielle Mittel.

Meine Vision ist es auch, dass Krankenkassen das Projekt in Zukunft im Rahmen der Prävention für posttraumatische Belastungsstörungen bei Kindern oder therapiebegleitend für den Betroffenen zumindest teilweise finanziell bezuschussen.

Sabine Bader: Die Bayerische unterstützt die Familienhörbuch seit Jahresanfang, indem sie für jeden neu abgeschlossenen Vertrag zur Sterbegeldversicherung zehn Euro spendet und auch über ihre Kanäle über das Projekt berichtet. Wie erleben Sie die Zusammenarbeit bisher?

Judith Grümmer: Ich empfinde das bisher als äußerst positiv und unkompliziert. Das Miteinander ist angenehm und geprägt von Respekt. Man merkt, dass die Bayerische nicht versucht, das Familienhörbuch nur für ihre Imagezwecke zu verwenden, sondern das Projekt aus Überzeugung unterstützen will. Dafür sind wir sehr dankbar.

Weitere Informationen zum Familienhörbuch-Projekt, der zahlreichen medialen Berichterstattung sowie Spendenmöglichkeiten können unter folgendem Link abgerufen werden: https://familienhoerbuch.com/

Titelbild: © Familienhörbuch/Judith Grümmer

Autor

Sabine Bader
Pressesprecherin Konzern und Lebensversicherung Unternehmenskommunikation sowie Presse die Bayerische

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