Duzen im Unternehmen: Die Kraft der Anrede

„Gerne per du“ – so steht es seit einer Weile in den E-Mail-Signaturen der Bayerischen. Doch woher kommt die Trennung zwischen Du und Sie überhaupt? Und welchen Zweck erfüllt sie?

„Hoheit, geht es Euch gut?“

„Wohl sehe ich an deiner Rüstung, dass du daheim einen guten Herrn hast“, so heißt es im Hildebrandlied. In diesem Heldenlied, einem der ältesten Texte in deutscher Sprache, kämpfen zwei Krieger gegeneinander, die zwar Vater und Sohn sind, sich jedoch nicht kennen. Auffällig an dem Text ist, dass beide sich duzen. Laut dem Institut Germanistik der Universität Oldenburg gab es ursprünglich mehrere Anredeformen, die sich im Laufe der Jahrhunderte stetig wandelten. Im Mittelalter waren die Anredeformen „Du“ und „Ihr“ gängig, erst im 16. Jahrhundert kamen „Er“ und „Sie“ der 3. Person Singular dazu. Auch unter guten Freunden war es normal, im Zwiegespräch „wie geht es ihm“ zu fragen. Das Plural-Sie folgte dann im 17. Jahrhundert, als es mit „Du“, „Ihr“, „Er/Sie“ und eben „Sie“ (Plural) vier Anredeformen gab. Diese Auswahl lässt einen Rückschluss auf die besondere Hierarchie in der Gesellschaft zu.

Status Quo beim Siezen

Im heutigen Standarddeutsch sprechen wir unser Gegenüber entweder mit Du oder mit Sie an. Dabei legen soziokulturelle Umstände fest, welche Anrede wir wählen. In erster Linie ist der Grad an Formalität zwischen den beiden Sprechern ausschlaggebend, allerdings können auch andere Einflüsse auf die Wahl der Anrede wirken. Die hierarchische Prägung ist heute nicht mehr im selben Maße vorhanden. Stattdessen sind wir einerseits liberaler und andererseits so vernetzt wie noch nie zuvor. Der „Zeit“ zufolge rücken Individualität und das „Du“ immer mehr in den Vordergrund, die höfliche Anrede schwindet zunehmend aus dem Sprachgebrauch.

Das Duzen schafft Vertrautheit

„Wir duzen unsere Bewerber bereits im Bewerbungsgespräch“, zitiert die WELT Sebastian Dettmers, CEO von StepStone. Je nach Unternehmensstrategie können Arbeitgeber ganz unterschiedliche Vorteile herausarbeiten, wenn sie in ihrer Firma das „Du“ etablieren. Zum Beispiel schafft das Duzen Vertrautheit und Zusammengehörigkeit und baut Distanz zwischen Hierarchieebenen ab. Neue Mitarbeiter fühlen sich schneller integriert, ein partnerschaftliches Klima entsteht im Unternehmen. Das kann zu besseren Arbeitsergebnissen führen. Auf der anderen Seite aber kann es Einbußen beim respektvollen Miteinander geben. Oder aber die Vertrautheit wirkt gestellt, unecht. Und eine „Du-Atmosphäre“ kann dafür sorgen, dass Mitarbeiter verstärkt private Themen am Arbeitsplatz anbringen.

Siezen und Distanz

Setzt der Arbeitgeber dagegen eine Atmosphäre des Siezens durch, sorgt das grundsätzlich für eine respektvollere und diskretere Arbeitshaltung. Ein freundlich-distanziertes Miteinander ist ein Ergebnis. Dabei muss der Arbeitgeber jedoch aufpassen, es einheitlich zu halten: Wenn er verschiedene Arbeitnehmer siezt und andere duzt, kann das zum Verdacht einer Bevorzugung führen. Je nach Kontakt kann es auch sein, dass er ablehnend, steif, altmodisch oder distanziert wirkt. Bei Vorgesetzten fördert die Sie-Atmosphäre mitunter autoritäres Verhalten.

Eine Frage des Persönlichkeitsrechts

Für Arbeitgeber, die das „Du“ einführen wollen, gilt: Falls einzelne Mitarbeiter sich trotzdem wünschen, gesiezt zu werden, kommt das keiner Verpflichtung gleich. Allerdings gehört die Anrede mit zum allgemeinen Persönlichkeitsrecht der Mitarbeiter. Jeder Angestellte kann daher grundsätzlich selbst bestimmen, ob er gesiezt oder geduzt werden möchte. Wenn aber sich die Unternehmenskultur hin zum „Du“ verändert, wird er sich der Mehrheit fügen müssen. Der Wirtschaftswoche zufolge liegt es dann am Arbeitgeber, sein Interesse gegen das der Beschäftigten abzuwägen.

Welche Auswirkungen das haben kann, zeigt ein aktueller Fall um den Autohersteller Audi. Ein Mitarbeiter hat gegen die Bezeichnung „Der_die BSM-Expertin ist qualifizierte_r Fachexpert_in“ geklagt, weil er sich in seinen Persönlichkeitsrechten verletzt sieht.

Titelbild: ©Mikhail Markovskiy/ stock.adobe.com

Autor

Lars-Eric Nievelstein
Lars-Eric Nievelstein
Hat Kunstgeschichte und Literatur studiert. Schreibt gerne. So gerne, dass er sich sowohl in der NewFinance-Redaktion als auch in der Freizeit damit beschäftigt. Und sollte er mal nicht schreiben, interessiert er sich für E-Sport, Wirtschaft und dafür, wer gerade an der Börse abrutscht.

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Kommentare

  1. Der gut austarierte Artikel 👍🏻 liefert gleich eine Anleitung zur Vorbereitung und Einführung einer “Duz-Kultur” in Unternehmen mit ✅. Gerade viele Versicherer und Vermittlerbetriebe haben hier noch einiges an Potential. –> “Setzt der Arbeitgeber dagegen eine Atmosphäre des Siezens durch, sorgt das grundsätzlich für eine respektvollere und diskretere Arbeitshaltung.” Das ist gerade in der Versicherungswirtschaft mit Verlaub weitverbreitetes Wunschdenken einer erheblichen Gruppe, die sich ans “Sie” klammern und unter Respekt oftmals überkommene Rituale verstehen, die Professionalität ausdrücken sollen – das hat sich seit einigen Jahren allerdings ins Gegenteil verkehrt. Schön, dass die Bayerische einen modernen Weg beschreitet und zeigt, wie man erfolgreich den gesellschaftlichen Wandel in seine Unternehmenskultur integriert 👏🏽

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